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Angst-und Panikhilfe Schweiz

Blog: … und täglich grüsst das Angsttier

Meine Psychologin sitzt mir mit ernster Miene gegenüber in ihrem schwarzen Ledersessel, bewaffnet mit Stift und Papier. Sie hat natürlich bereits beim ersten Blickkontakt bemerkt, dass etwas im Argen ist. Kein Wunder – bei den verweinten Augen!

„Was ist passiert?“, fragt sie mich, direkt und ohne Umschweife. Wenn ich das wüsste, sässe ich nicht hier, denke ich. „Ich weiss es nicht, ich verstehe die Welt nicht mehr. Jetzt habe ich endlich den Sprung ins „normale“ Leben geschafft, habe endlich nach drei Jahren IV Wiedereingliederung und RAV einen Job und dazu einen sehr zuvorkommenden Vorgesetzten, der mir jeden Tag immer wieder einschärft, Gesundheit sei das wichtigste im Leben! Ich meine, was will ich mehr? Und dann passiert DAS!“ Frau G. nickt mitfühlend und wartet darauf, dass ich das Erlebte weiter ausführe. Ich erzähle ihr, wie ich von der Arbeit völlig ausgelaugt nach Hause fahre und nicht mal mehr Lust habe, etwas fernzusehen. Dass ich nachts Albträume von Alien-Invasionen und von Insekten befallenen Wohnungen habe. Dass ich in der ersten Woche, bei einem vertraglich vereinbarten Pensum von 70% bereits bei 95% angelangt bin. Und dass ich heute einen Zusammenbruch erlitten habe. Ich erkläre ihr, dass ich nicht verstünde, warum dies passiert und vor allem, WAS eigentlich genau passiert ist. „Ich habe diffuse Gefühle, Frau G., ich weiss nicht wo das Problem liegt. Ich bin ja arbeitsfähig, ich habe sogar anerkennende Worte von meinem Vorgesetzten bekommen, dass ich nahezu perfekt gearbeitet hätte in der ersten Woche.“

Frau G.‘s Gesichtsausdruck, den ich erhasche, spiegelt ihre Irritation wider. Ich bin froh, dass nicht nur ich Bahnhof verstehe. Ich weine vor mich hin und Frau G. reicht mir ein Taschentuch. Pietätvoll wartet sie ab, bis ich mich etwas beruhigt habe. Ich entschuldige mich bei ihr für meinen Ausbruch. „Sie müssen sich nicht entschuldigen, lassen Sie es raus!“ Dankbar schniefe ich in das dargereichte Kleenex. Ich erzähle ihr auf ihren Wunsch hin etwas ausführlicher von meinen Gefühlen, aber es gelingt mir dabei nicht, die Ursache für meinen Zusammenbruch zu lokalisieren. Nach 45 Minuten steht für Frau G. fest, dass etwas meinen Freiraum wieder verkleinert zu haben scheint. „Jetzt wird‘s wieder eng und es scheint, dass die Fremdbestimmung so gross geworden ist, dass Sie jetzt mit diesem Zusammenbruch zu kämpfen haben.“ Das macht Sinn. Ich erinnere mich wieder an mein Angstmuster und dessen Auslöser. Frau G. geht zum Whiteboard und zeichnet ein Strichmännchen. Um das Strichmännchen zieht sie einen sehr engen Kreis. Mir wird schlecht. Die bildliche Darstellung meines Gefühlszustands erzeugt bei mir Schnappatmung. Frau G. nimmt einen tiefen, theatralisch anmutenden Atemzug. Ich mache es ihr nach. Ich bin froh, als Frau G. mir vorschlägt, mich aus diesem Zustand zu holen, indem sie mich für drei Tage krankschreibt. „Dann können Sie wieder zu sich kommen, ihre Gedanken sortieren und dann finden wir sicherlich auch die Antwort, was der Auslöser gewesen ist. Kommen Sie doch diese Woche noch einmal vorbei.“ Wir machen einen Termin aus und ich verabschiede mich von Frau G mit einem erleichterten Lächeln. Jetzt muss ich das nur noch meinem Vorgesetzten beibringen, dass ich die nächsten drei Tage nicht mehr im Büro aufkreuze. Beim Gedanken daran wird mir etwas flau im Magen. Insbesondere, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, überhaupt nochmal dort zu arbeiten. Aber heute, habe ich gelernt, ist der falsche Zeitpunkt, um mir darüber Gedanken zu machen.

Als mein Mann nach Hause kommt, weine ich ihm zuerst einmal das T-Shirt nass. Nach einer Minute wird es mir unwohl und ich fühle mich schuldig, weil ich weiss, er hatte einen anstrengenden Tag mit einer sehr weiten Heimreise und ich nehme ihn in Beschlag, kaum dass er einen Fuss über die Schwelle unserer Haustüre setzen konnte. Trotzdem nimmt er sich die Zeit und wir sprechen über meine Ängste und die diffusen Gefühle, aber auch über meinen Arbeitsalltag. „Also ich hätte auch Stress, wenn ich so arbeiten müsste wie du“, gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, indem er den Satz auf sehr eindringliche Art und Weise betont, damit ich es auch wirklich aufnehme. Vielleicht aber auch, weil er sich darüber aufregt. Ich halte inne und bin wie vom Donner gerührt. Warum ist mir das nicht selber aufgefallen? Stimmt! Ich konnte mir nicht mal ein Glas Wasser tagsüber genehmigen, weil ich viel zu viele Aufgaben in der vorhandenen Zeit erledigen musste, geschweige denn kam ich dazu einmal eine Pause einzulegen. Der Freiraum wird in Sekundenschnelle grösser. „Oh mein Gott, kann das sein? Ist das vielleicht der Grund?“ Trotz der spontanen Erleichterung bleibt das Gefühl von Unsicherheit in meiner Magengegend bestehen. Aber ich weiss jetzt vielleicht, wo ich den Auslöser suchen muss. Vielleicht liegt es ja nicht einmal an mir und meiner Leistungsfähigkeit? Dieser Gedanke bringt mich erneut zum Weinen und mein Mann streicht mir mitfühlend eine Strähne aus dem Gesicht. Ich spüre wie eine Last von mir genommen wird. Ich weiss jetzt, worüber ich mit Frau G. beim nächsten Termin sprechen werde.


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