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Angst-und Panikhilfe Schweiz

Warum Frau Angst heute meine beste Freundin ist

Was ist Angst für Dich? Welche Bedeutung nimmt sie in Deinem Leben ein? Für uns Betroffene ist sie auf jeden Fall die grosse, böse Unbekannte. Sie lauert immer irgendwo hinter einem Busch in unserem Kopf und wartet darauf, uns anzuspringen. Sie kratzt und beisst und nimmt Dich gnadenlos ein. Sie ist erbarmungslos, widerspenstig und aggressiv – sie ist der hässliche Krieg in Deinem Kopf. Und – sie ist Deine beste Freundin. Moment! Was???

Ja, sie ist auch Deine beste Freundin. Aber wie kann etwas, das so grausam und zerstörerisch ist, freundschaftliche Züge aufweisen? Du denkst jetzt bestimmt, die Virginia, die hat sie doch nicht mehr alle! Wer so etwas sagt, hat sicherlich noch nie eine Panikattacke erlebt! Ich kann das verstehen, ich habe in meinen schlimmsten Angstzeiten genauso gedacht. Mit etwas Abstand und Therapie jedoch, sehe ich die Angst etwas anders. Sie ist eine Freundin. Sie ist MEINE Freundin und sie ist vielleicht sogar die beste Freundin, die ich jemals hatte. Weil sie mir schonungslos die Wahrheit über mich gezeigt hat. Leider in einer sehr übersteigerten Form, auf die ich noch so gerne verzichtet hätte.

Aber wie meine ich das nun mit der besten Freundin? Als ich noch auf Kriegsfuss mit Frau Angst stand, ging es mir immer nur darum, sie aus meinem Leben zu verbannen. Was ich damals nicht verstand war, dass Frau Angst nicht nur böse war, sie war auch herzensgut. Frau Angst lag so viel an mir und meinem Wohlbefinden, dass sie immer dann auftauchte, wenn ich etwas tat, das mir nicht entsprach, zu dem ich mich genötigt fühlte. Oder etwas, das mir schlichtweg nicht gefiel, nicht meinen Wertvorstellungen oder meinem Wesen entsprach. Natürlich fühlte ich tief in mir, dass ich dieses oder jenes nicht wollte, aber ich hatte keine Kraft und schon gar keinen Mut, mich dagegen zu wehren. Es fühlte sich falsch an, unartig und mit Schuldgefühlen überflutet. „Chasch doch nöd!“, war damals mein Motto.

Also liess ich alles nicht Erwünschte einfach über mich ergehen, bis mein Körper eines Tages entschied „Jetzt reicht‘s!“ Mein Körper musste sich wirklich gut überlegen, wie er mir Einhalt gebieten könnte. Ein Bein brechen? Erfüllt den Zweck nicht. Es hätte schlichtweg nicht ausgereicht, mich körperlich zu lähmen, um mich davon abzuhalten, meine Ignoranz gegenüber meinen eigenen Gefühlen aufzugeben. Was blieb also noch?

„Probier‘s doch mal mit der Fluchtreaktion!“, meldete sich also die Amygdala, das Urzeitgehirn. „Hat bisher immer prima geklappt in all den Tausenden von Jahren! Kannst mir ruhig glauben! Die kann nicht mal was dagegen tun! Das haut rein wie Bolle! Zack! Instant-Lähmung und Virginia tut nur noch, was du willst!“

„Klasse Idee,“ dachte das Neuzeitgehirn. Der Rest ist Geschichte. Ich habe lange darüber nachgedacht, was mein Körper alles mit mir hätte anstellen können, um mir den Riegel zu schieben. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass lediglich Frau Angst die nötige Macht besitzt, meinem verqueren Denken und Handeln Einhalt zu gebieten. Heute ist mir bewusst, dass mein Körper damals versuchte, mit mir in Kontakt zu treten. Er wollte mich auf Missstände in meiner Psyche aufmerksam machen. Es muss schwer für ihn gewesen sein, sich einen Weg durch altbewährte, selbstzerstörerische Muster zu bahnen und diese aufzubrechen. Die Angst hat geschafft, was unmöglich schien. Sie war das Mittel zum Zweck. Anstatt einfach nein zu sagen, bekam ich also ab Tag X einfach Angst. Genug Angst, um mich abzuhalten, das zu tun, was ich eigentlich unbewusst gar nicht wollte. Ist es nicht das, was gute Freunde tun? Keine fürsorgliche Mutter lässt ihr Kind in sein Verderben rennen, nicht wahr?

Darum sehe ich Frau Angst heute als Freundin. Sie meldet sich nur noch sporadisch und dann auch nur in kleinem Ausmass. Sie benötigt nicht mehr diese immense Wucht, weil sie weiss, dass ich nur ein kleines „Alarmsignal“ benötige, um ihr zuzuhören und wieder im Einklang mit mir selbst zu handeln. Wenn ich heute ängstlich bin oder ein grummeliges Gefühl in der Bauchgegend verspüre, halte ich kurz ein. Ich weiss, etwas ist nicht koscher. Und manchmal muss ich lachen, weil ich den Elefanten im Zimmer einfach wieder einmal nicht gesehen habe. Ich bin dann dankbar. Ich bedanke mich bei Frau Angst. Sie weiss so viel mehr über mich, als ich selbst zu wissen glaube. Sie kennt mich in und auswendig. Sie ist der Teil in mir, den ich mit harter Therapiearbeit zu akzeptieren und richtig deuten lernte. Heute bin ich froh, dass Frau Angst mir den Weg weist.

Es ist mir bewusst, dass einige Leser eine andere Sicht auf dieses Thema haben mögen. Wenn man so in der Angst gefangen ist, könnte ich mir vorstellen, dass meine Gedanken wie Hohn auf Betroffene wirken. Es liegt mir fern, die Angst zu verniedlichen oder runterzuspielen. Aber ich möchte mit diesem Artikel aufzeigen, dass mit einer guten Therapie (und ohne diese hätte ich es alleine nie geschafft!) ein normales Leben wieder möglich sein kann. Es wird nie so sein, dass die Angst sich komplett verabschiedet. Wir brauchen Angst. Ohne Angst wären wir allesamt gestörte Soziopathen. Eine gesunde Angst ist richtig und wichtig für uns, um in einer unberechenbaren Welt zu überleben. Nur die übersteigerte Angst soll weniger werden. Wir können es schaffen.

Wenn Du bisher keine Therapie in Anspruch genommen hast, möchte ich Dich an dieser Stelle inständig dazu ermuntern. Es gibt heute viele Therapieformen. Du musst nicht ausser Haus gehen, wenn Deine Angst das nicht zulässt. Es gibt Psychologen, die Dich auch zu Hause therapieren, bis du soweit bist, wieder Schritte ausser Haus zu wagen. Mittlerweile gibt es sogar online-Psychologen, mit denen Du über Skype eine Therapie durchführen kannst. Trau Dich und mach mit Frau Angst den ersten Schritt in eine neue Zukunft.

Liebe Grüsse Virginia


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